Journalistik auf der Kippe
Es ist mal wieder ein “professioneller Journalist”, der über die Freiheiten des Internets klagt. Ich hätte allerdings diesen Irrsinn nicht geglaubt, wenn ich den nicht gelesen hätte.
Er schreibt, dass das Internet die Menschen idiotisiert und infantilisiert. Dies begründet er damit, dass eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe und die New York Times im Netz ihre Inhalte versenden und sich das Qualitätspegel zwangsläufig in der Nähe der Selbsthilfegruppe sein wird. Zunächst: die Selbsthilfegruppe als solche ist sehr sinnvoll, soweit sie tatsächlich Selbsthilfegruppe ist. Dieses Beispiel hat Stammtischcharakter, Herr Broder.
Des Weiteren: diese Position von Ihnen, vertrieben auf der Seite eines durchaus angesehenen Blattes, hat ebenfalls nicht sonderlich viel Qualität. Es ist Ihre Meinung, aber die Begründung fällt doch – abgesehen von dem Stammtischblödsinn – sehr kurz aus. Und die Informationen eben einer Selbsthilfegruppe sind auch nur für Interessierte am Thema interessant. Früher gab es für so solche Zwecke selbst kopierte Seiten, die per gelber Post versandt wurden.
Ist es nicht vielmehr eher so, dass Sie Angst haben, dass Ihr Job verschwindet, weil es Blogger gibt, die sehr gute Arbeit leisten (zu denen ich mich nicht zähle!)? Und dies auch noch kostenlos.
Letztendlich werden Sie und Ihre Kollegen die Geister, die Sie riefen, nicht mehr los. Denn Qualitätsjournalismus ist heutzutage Mangelware. Die meisten Berichte in den Zeitungen sind von dpa und Reuters eingekauft. Der investigative Jounalismus ist tot, leider. Und zu BILD und Co. muss ich ja echt keine Worte verlieren. Zum Fernsehprogramm auch nicht. Im Radio werden auch immer nur die 30 liebsten Lieder wiederholt…
Und Ihre “Position” selbst ist ebenfalls ein Beleg: wir nehmen eine nette Streitaussage, schreiben noch ein wenig Zeug, das ungefähr ins Thema passt, drumherum, überlegen noch etwas ähnliches wie eine Begründung und fertig ist der Inhalt. Ich kann mich nur noch wundern… oder eben nicht.
Die “Position” findet sich beim Tagesspiegel, aufmerksam geworden bin ich über da Netzblog (dort stehen weitere Argumente) und der wiederum hat’s vom Handelsblatt-Blog (Thomas Knüwer), der das auch nicht sonderlich sinnvoll hält…
